Newsletter Juli 2019

In diesem Jahr kam Nuptul Tenpei Nyima Rinpoche – der Abt des Klosters Serang- nach Europa um im Retreat in Frankreich und im Seminar sein Wissen weiter zu geben (näheres zu ihm). Im Unterschied zu den letzten Jahren hat er sich entschieden, seine drei „vorlesungsfreien“ Tage mit uns in Essen-Kettwig zu verbringen. Das war ein tolles Geschenk, das wir mit einigen Mitgliedern von HCE und Freunden gerne geteilt haben.

Nuptul  war unser Gast vom 25.06-27.06. in Essen Kettwig. Besonders hat mich seine Offenheit, seine Neugier und Interesse an unserer Kultur und unseren christlichen Glauben beeindruckt. Durch seine ruhige und unglaublich empathische Art sendete er eine Energie aus, für die ich nur das Wort „Herzenswärme“ finde.
Seine Leidenschaft den Kindern aus Serang war in seinen Erzählungen deutlich spürbar. Er (er)lebt die Entwicklung der Kinder und erfreut sich an deren Wachstum, deren Bildung, die ihnen weitblickend eine bessere Zukunft ermöglichen.

Obwohl er weiter viele Vorträge und Retreats abhält, hat sich entschieden sein Studium an der Harvard Universität für 2 Jahre ruhen zu lassen um sich noch intensiver dem Kloster und den Kindern zu widmen. 

 

Susanne Oehler

Eindrücke der Kinder in Serang Gumba

Eindrücke der Kinder in Serang Gumba

Die Kinder sind einfach wunderbar.

Es ist unser letzter Tag auf dem Trek, bevor wir das Kloster erreichen. Und auch der längste. Wir sind 2000 Höhenmeter und 12 Stunden unterwegs. Wir sind müde, die Beine schmerzen und der Weg scheint kein Ende zu nehmen. Vor uns liegt ein weiterer, steiler Anstieg hoch zu einer kleinen Stupa. Plötzlich höre ich Kinderstimmen, dann wieder nichts. Ich denke ich habe mich getäuscht.

Oben angekommen werden wir überrascht. Zwei der Schüler (beste Freundinnen, eine 10 und eine 14 jährige, die beide auch noch den gleichen Namen haben) sind uns fast zwei Stunden entgegen gelaufen! Die Kleine erinnert mich an meine Tochter.

Wir werden schüchtern, aber sehr herzlich begrüßt. Beide haben eine große Kanne Tee und Kekse den Berg hoch geschleppt. Es ist ein wunderschöner, rührender Empfang.

Als wir später, kurz vor Einbruch der Dunkelheit im Kloster ankommen, hören wir Gesang aus der Baracke, wo die Kinder bis heute untergebracht sind. Aktuell leben hier 38 Kinder in einer Holzbaracke mit zwei Räumen: einer für die Mädchen, einer für die Jungen. Das ganze Gebäude ist nicht größer als 40qm und nicht beheizt. Nachts herrschen hier bereits jetzt im September Temperaturen unter 0 Grad.

Wir stürzen gleich hin und möchte keine Sekunde verpassen. Wir freuen uns und die Kids sind etwas verwundert, dass eine Handvoll Langnasen ihre Gesichter (und Kameras) durchs Fenster schieben. Mir wird erst später klar, dass sie gerade für die große Willkommensfeier für uns am zweiten Tag proben und wir sie überrascht haben.

Und groß ist die Feier wirklich. Vor dem großen Tempel begrüßt uns Rimpoche Jigmae und hält eine Ansprache. Die Kinder führen nacheinander auf, was sie vorbereitet haben: Tänze, Theater und Gesang. Alle Nonnen und Mönche sind gekommen. Sogar die Dorfältesten aus der Nachbarschaft haben sich auf den Weg gemacht.

Meine schönste Erinnerung ist das gemeinsame Frühstück mit den Kindern. Das gemeinschaftliche, perfekt synchronisierte und herzliche „good morning“, sobald ich den Raum betrete. Strahlende Gesichter, die mich schüchtern und zugleich neugierig anschauen.

Die Küche ist verraucht, die Wände und Balken schwarz vom Ruß. Es ist dunkel. In der Mitte brennt ein Feuer. In zwei riesigen Töpfen darauf kocht Wasser und Tee. Der Raum ist der einzige warme Platz um diese Uhrzeit. Hier treffen sich die Kleinen jeden Morgen. Sie sind sehr selbstständig: sie kommen alleine und meist pünktlich (was in Nepal bereits ein kleines Wunder ist…) in den Raum, nehmen sich einen Teller und einen Becher. Nach dem Essen wäscht jeder sein Geschirr selber am Brunnen draußen ab und bringt es zurück. 

In Erinnerung bleibt mir auch der Morgenappell vor dem Start des Unterrichts. Pünktlich um 9h versammeln sich die Kinder auf dem Platz vor der der Baracke in der sie wohnen. Alle stellen sich in Reih und Glied vor Luna auf. Luna ist Lehrerin und hauptverantwortlich für die Kinder. Sie ist auch so etwas wie eine Ersatzmutter für die ganze Gruppe. Es folgt ein ausgiebiger Hygienecheck für jeden einzelnen. Hände gewaschen? Fingernägel sauber? Keine Dreck hinter den Ohren? Zähne geputzt? Keine Läuse auf dem Kopf? So lernen die Kids, auf sich selber zu achten. Das ist für das 

Leben auf dem Land überlebenswichtig. So können Krankheiten vermieden oder zumindest erkannt werden.

Auch im Unterricht wird viel gesungen. So werden Inhalte nachhaltig transportiert. Die Kinder üben auch, wenn die Lehrerin einmal nicht im Raum ist. Sie sind sehr motiviert und diszipliniert. Sie geben sich viel Mühe, denn sie wissen, das die Schule ihre beste Chance ist.

Ursprünglich sind alle Waisen von dem großen Erdbeben in 2015, die das Kloster aufgenommen hat. Das Epizentrum liegt nur ca. 20km entfernt – entsprechend groß war der Schaden. Viele Kinder haben damals ihre Eltern verloren. Heute gehen auch andere Kinder aus der Region dort zur Schule.

Die Schule ist nicht nur eine Chance für die Kinder, sondern für die ganze Region. Wenn die Kinder ihre Schulzeit abgeschlossen haben, werden viele in die umliegenden Dörfer zurück kehren und dort das Wissen teilen, dass sie sich angeeignet haben.

Bevor wir zurück fliegen, verabschiede ich mich von den beiden großen Schülerinnen, beide 14 Jahre alt. Sie verstehen gut Englisch, trauen sich aber noch nicht frei zu sprechen. Als ich gehe, drehen sich beide um und rufen mir zu „vergiss uns nicht“. Das werde ich nicht – niemals.

Zu unserem Serang Primary School Projekt

 

Shining Glory Church

Seid willkommen in unserem Leben!

 

Nach unserer Rückkehr aus dem Kloster Serang waren wir zu einem Besuch in die Shining Glory Church von Joshua Khadka (Pfarrer) und seiner Frau Elisabeth eingeladen. Ich war nach den Tagen im buddhistischen Umfeld sehr auf diese Begegnung gespannt. Schon bei der Ankunft war der Anblick des Wohnhauses mit zwei gut sichtbaren Kreuzen für mich überraschend. In einem Land geprägt von Hinduismus und Buddhismus, wirkte dies auf mich wie ein sehr starkes Zeichen. Wie nicht anders erwartet, fiel unsere Begrüßung äußerst herzlich und freundschaftlich aus. Neben Joshua und Elizabeth begrüßte uns seine Tochter Martha. Später kam noch sein Sohn Magan hinzu. Schnell entspann sich zwischen uns allen ein sehr angeregtes Gespräch. Joshua erzählte u.a. von seinem Weg zum christlichen Glauben. Diese Geschichte ist für mich, doch sehr kopfgesteuerten Europäer, kaum zu fassen. 

Nach der ersten Stunde ging es auf zur Haus- und Kirchenbesichtigung. Und da gab es die nächste dicke Überraschung. Hut ab vor der Leistung von Joshua und Elizabeth und ihrer Gemeinde. Innerhalb eines Jahres wurde das alte Wohnhaus , um zwei Etagen für die 6 Waisen und die 6 pflegebedürftigen alten Gemeindemitglieder erweitert und ausgebaut. Die bisherigen Gebäude waren nach dem Erdbeben im April 2015 baufällig abgerissen worden. Gegenüber anderen Bauten, die ich bis dahin in Nepal gesehen und betreten hatte, wirkte hier alles solide und modern. Es zeigt mir, dass die eingebrachten Spendengelder optimal genutzt wurden. Auch gibt es die Zuversicht, dass es mit dem Vorhaben gut weiter geht. Joshua erzählte uns, welche Arbeiten noch notwendig sind, damit die staatliche Abnahme erfolgen kann. Danach können Anfang 2019 die Räumlichkeiten durch die Kinder und die pflegebedürftigen alten Menschen bezogen werden. Das wird die rund 2.500 Gemeindemitglieder in ihrem Glauben und in ihrem christlichen Handeln bestätigen. 

Nach einem ausgiebigen, von Elizabeth mit toller Kochkunst zubereiteten Mittagessen, ging die Unterhaltung weiter. Immer intensiver wurde mir dabei bewusst, wie tief Joshua in seinem Glauben ruht und daraus alle Kraft für sein Handeln zieht. Solch ein gläubiger Mensch ist mir bisher noch nie begegnet. In meiner kirchlichen Lebenspraxis sind mir schon viele christliche Pfarrer/innen und Mitmenschen begegnet, aber diese Form, eines so tiefen christlichen Glaubens noch nicht. 

Joshua und Martha zeigten uns dann auch ihre Kirche. Unfassbar, dass in einer etwas größeren Garage 200-300 Menschen jede Woche 4 Stunden lang Gottesdienst feiern!  Leider konnten wir, aufgrund neuer staatlicher Gesetze gegenüber der christlichen Kirche, solch einen Gottesdienst nicht selber miterleben. Der Zutritt zu Gottesdiensten ist für Ausländer bis auf weiteres nur mit vorheriger Genehmigung gestattet. Dies ist ein weiteres Hindernis, das die kommunistische Regierung der Entwicklung der christlichen Gemeinden in Nepal entgegensetzt. 

Dennoch: Beim anschließenden längeren Spaziergang durch sein Gemeindegebiet (fast 600 Haushalte, die den Pfarrer und seine Familie mit Nahrung unterstützen – ein Gehalt bezieht ein Pfarrer hier nicht!), war Joshua wieder ein toller Erzähler und der unerschütterliche Optimist. In der kurzen Zeit des Besuches waren wir so willkommen und haben einen tiefen Eindruck vom Leben der Familie von Joshua erhalten. Am Ende bleibt für mich nur der Wunsch und die Zuversicht, dass es Joshua, Elisabeth und ihrer Shining Glory Church-Gemeinde gelingt, ihre Träume und Wünsche in die Realität umzusetzen. Und mögen sie dabei viele Menschen unterstützen.

Erik Lehmann